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Reden, Interviews

28.01.2006

Impulsreferat von Franz Welser-Möst


 

Konferenz „Sound of Europe“, Samstag, 28. Jänner 2006

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

Exzellenzen,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

Meine Sprache ist eigentlich die Musik, deshalb bitte ich um Verständnis, wenn meine Rede vielleicht nicht so geschliffen ist wie einige Reden, die wir schon gehört haben.

Auf der mir zugesandten Einladung zu dieser Konferenz wird von einer Gesellschaft in Wien im Jahre 1913 berichtet, die nach einer großen Idee für das 20. Jahrhundert sucht. In meinem früheren Skript wurde auch das Thema Mozart als Metapher angedacht. Ich möchte versuchen, beides miteinander zu verbinden. Im Zusammenhang mit Mozart wird in der letzten Zeit auch seine Person als Europäer immer wieder hervorgehoben, wobei meistens nur auf seine ausgedehnte Reisetätigkeit hingewiesen wird. Wenn wir unter Europa die abendländische Kultur verstehen, dann stellt sich uns die Frage, welchen Stellenwert Mozart in der abendländischen Kultur hat und weiter gefragt, was die abendländische Kultur ausmacht. Unter den Künsten ist die Musik die eigenständigste und höchst entwickelte, die von der abendländischen Kultur hervorgebracht wurde. Dichtung und Malerei – sie gibt es auf höchstem Niveau auch in anderen Kulturen.

Aber das, was wir gemeinhin „klassische Musik“ nennen, die Musik in dieser Komplexität und Ausdruckstiefe, ist so nur in der Kultur des Abendlandes entstanden. Diese Kultur aber ruht auf zwei Säulen: Auf dem Hellenismus und dem Christentum. Die kreative Spannung, die zwischen diesen beiden Gedankenmodellen besteht, ist bis heute nicht aufgelöst. Die zwei berühren sich an gewissen Punkten, z.B. an dem der Mitmenschlichkeit, aber sie streben in divergente Richtungen, wo es um die Frage des Handlungsraums des Menschen geht. Alles ist möglich. Diese Grundthese in liberaler, westlicher Ideologie wurzelt im hellenistischen Denken genauso wie die Naturwissenschaftsgläubigkeit der Neuzeit. Dem steht das Christentum mit seiner Grundanschauung entgegen, das eben nicht alles möglich sein kann. Diese prinzipielle Spannung prägt die abendländische Kultur. Keiner aber hat die Widersprüche besser versöhnt und die Gegensätze überzeugender aufgelöst als Mozart. Das macht ihn in der höchsten Kunst der abendländischen Kultur zu einer überragenden Figur. Und aus diesem Grund sehe ich ihn als DEN Europäer an.

Hellenismus und Christentum – bei Mozart treffen sich diese beiden Modelle. Es gibt – soweit ich das sehen kann – kein ähnlich starkes Verbindungsglied. Goethe beispielsweise stand dem hellenistischen Modell näher. Und höchst bezeichnend ist doch, dass er sich daran gemacht, den zweiten Teil der Zauberflöte zu schreiben, was unvollendet blieb. Denn in der Zauberflöte wird genau dies exemplarisch vorgeführt, wie Mozart es schafft, selbst auf den Text eines, wenn es hoch kommt, drittklassigen Dichters - ein Werk von einer so tief humanen Botschaft - zu schreiben, das sie für beide Gedankenmodelle, das hellenistische wie das christliche, nicht bloß akzeptabel, sondern vorbildlich ist. Was für die Zauberflöte gilt, lässt sich genauso von „Le Nozze di Figaro“ sagen, von „Don Giovanni“, „Cosi van Tutte“, vom geistlichen Spätwerk, ja von der Kammermusik, den Symphonien und Konzerten. Denn auch da, wo kein Text zum Tragen kommt, ist für mich offenkundig, wie Mozart die Brücke schlägt und die Verbindung zwischen diesen Säulen der abendländischen Kultur stiftet.

Ich komme nochmals auf den Arbeitstitel „Mozart als Metapher“ zurück und hierbei stellt sich die Frage, was die Größe Mozarts ausmacht. Ich habe mich in der letzten Zeit über viele Aussagen über das Genie Mozart geärgert. So wurde z.B. in einigen Artikeln in der englischen Presse behauptet, er hätte nur einige Ohrwürmer geschrieben und das wäre es dann auch. Auf der anderen Seite gab es ernsthafte Beschäftigungen mit seiner Musik, die entweder versuchen, das Apollonische, das Dramatische oder andere Ausdruckselemente hervorzuheben. Ich glaube, die wahre Größe in Mozarts Musik – und wir sollten uns davor hüten, das romantische Bild, nämlich, dass Person gleich Werk bedeutet, auf Mozart zu übertragen – ist ausschließlich in seiner Musik zu suchen und zu finden, und wir können auch davon lernen. Es gibt nämlich keinen Komponisten, der die verschiedenen Elemente, die die Musik ausmachen wie z.B. Formsinn, Harmonie, Melos, Rhythmus, Klangfarben etc. in eine derart perfekte Balance bringt. Damit erklärt sich auch die Frage, warum ein gleicher Akkord bei Mozart genial klingt und bei einem anderen Komponisten normal. Mozart, das ist Versöhnung, Ausgleich und Balance von tragenden Elementen. Auch die Identität einer Gesellschaft hängt von ihrer Fähigkeit zur Balance ab. Innerhalb der abendländischen Kultur sollte es ein Gleichgewicht geben zwischen den verschiedenen Disziplinen: eine Balance zwischen Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften, Religion, Kunst und Politik. Dieses Gleichgewicht ist uns im 20. Jahrhundert ziemlich abhanden gekommen. Die Politik hat viele andere Bereiche infiltriert.

Über Kirchenbelange wird z.B. auf den Politikseiten in Zeitungen berichtet. Wo wir künstlerische Werturteile abgeben sollten, wird mit politischen Schlagworten hantiert - nur um das kurz anzustreifen. Nachdem das 18. Jahrhundert jenes der Aufklärung war, das 19. jenes der Industrialisierung, kann man getrost sagen, dass das 20. Jahrhundert jenes der Politik war.

Ich glaube, dass durch diesen großen Schwerpunkt Politik – Stichwort „Zwei Weltkriege“ – die Balance zwischen den oben angeführten Disziplinen vehement aus dem Gleichgewicht geraten ist, aber eigentlich das Signifikante für die abendländische Kultur und damit für Europa wäre. Mir begegnen immer wieder Beispiele für das momentane Ungleichgewicht: moralische und ethische Fragen werden fast nur mehr und ausschließlich an die Naturwissenschaften und die Politik gerichtet, und die Medien wurden in einem erschreckenden Ausmaß zum Richter in moralischen, ethischen oder sachbezogenen Fragen erhoben - siehe Talkshows oder die anfangs erwähnten Artikel über Mozart.

Ich glaube auch in meinem ureigensten Bereich – nämlich dem Kulturschaffen –, dass es dringend einer Entpolitisierung bedarf. Nebenbei gesagt, ich kann nach 20 Jahren Berufserfahrung in den meisten Inszenierungen keine Kampfanzüge mehr sehen. Damit ich nicht missverstanden werde: natürlich kann, darf, sollte ein Künstler auch eine politische Meinung haben und diese auch ausdrücken. Aber wir haben z.B. im Bereich der Kulturschaffenden seit ewigen Zeiten keine Ästhetikdebatte geführt.

Es bedarf – im Sinne des vorher Ausgeführten – einer Kategorienbereinigung. Wir müssen wieder wissen, was was ist. Immer wieder wird auch das Wort vom „Europa der Werte“ in den Mund genommen und wir stehen einer fortschreitenden „Veramerikanisierung“ eher hilflos gegenüber. Ich lebe seit 3 ½ Jahren mit einem Bein in den USA und genieße vieles dort. Aber ich habe da gelernt, dass ein Durchschnittsamerikaner etwas vollkommen anderes meint, wenn er von „values“ spricht, als wir Europäer. Nämlich: Haus, Auto, Hund.

Am Beginn des 20. Jahrhunderts hat es radikale Veränderungen und Verwandlungen gegeben, herbeigeführt durch dramatische politische Auseinandersetzungen. Wenn wir nach einer großen Idee für das 21. Jahrhundert suchen, können wir vielleicht von dieser Lichtfigur Mozart lernen, dass das Ureigenste des Europäischen, was sowohl in der hellenistischen als auch in der christlichen Strömung zum Ausdruck kommt, das Gleichgewicht zwischen den oben angeführten Disziplinen ist.

Was ist zu tun? Außer der oben genannten Kategorienbereinigung bedürfen wir der Innovation in unserer Kreativität und unseren Eigenheiten. Die Innovation ist das Gleichgewicht zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, Religion, Politik und Kunst. Das ist nur mit Geben und Nehmen möglich, so wie beim Musizieren, das auf höchstem Niveau nur ein Geben und Nehmen ist. Gleichgewicht hat nichts mit Bequemlichkeit zu tun, sondern im Gegenteil, verlangt einen intensiven, vielleicht auch unbequemen Dialog und Diskurs zwischen den Disziplinen. Für meinen Bereich möchte ich sagen, dass wir den Bildungsauftrag, nicht den Ausbildungs-, den Bildungsauftrag für uns und die nächsten Generationen nicht nur der Politik überlassen dürfen, sondern im Sinne einer Entpolitisierung auch unseren Beitrag leisten müssen. Um das weiterzugeben, was Stefan Zweig diese „heiligste Überflüssigkeit des Lebens“ genannt hat.

Mein Wunsch wäre ein Europa der Qualitäten und nicht der Quantitäten. Denn nur so können wir einen Vorteil aus unserer unglaublich starken Tradition ziehen. Denn wir werden keine Chance haben gegen die Quantitäten, die Amerika, Indien oder China zu bieten haben. Wie die Amerikaner sagen: „Don’t try to get eaven, be ahead“. Identität hat auch einiges mit Intimität zu tun und nur wenn wir wissen, wer wir sind, können wir auch selbstbewusst handeln.

Danke.

 

Datum: 28.01.2006